Ich bin krank.

​Ich bin krank. 

Ich bin krank und keiner merkt es. Keiner versteht es. Keiner versteht mich. 

Ich bin krank. Und ich will nicht, dass es jemand merkt. Und das, ist mein größtes Problem im Moment. Ich habe gelernt, meine Gefühle so gut zu verstecken, zu überspielen, dass keiner weiß, wie es mir wirklich geht. Wie ich mich fühle. Was in mir vorgeht.

Ich bereue nichts im Leben. Gar nichts. Nur eine Sache. Ich bereue, dass ich nicht früher begonnen habe, meine Gefühle und Gedanken auf Papier zu bringen. Ich garantiere, es wäre ein Bestseller geworden. Das wäre etwas Einzigartiges geworden. Etwas, was vielen Menschen geholfen hätte. Es hätte vielen die Augen geöffnet. Aber leider. Leider, habe ich diese Möglichkeit verpasst. 

Ja, ich bin krank und keiner merkt es. Ich weiß nicht warum ich andere so gut täuschen kann, aber ich kann es. Ich kann nicht sagen, ob es eine Stärke oder eine Schwäche von mir ist, aber es ist eine Fähigkeit von mir. Anscheinend.

Niemand sieht, dass ich krank bin. Es ist nichts Ansteckendes, nichts Großes. Zumindest würde dies jeder Außenstehende sagen. Und eigentlich, ist es wirklich nichts Großes. Das Gehirn stellt einfach um einen Botenstoff zu wenig her. Das wars. Mehr ist es nicht. Theoretisch. Wenn da nicht die Nebenwirkungen wären. Die schlimmste Nebenwirkung, meiner Meinung nach, ist die Angst. Oder die Antriebslosigkeit. Oh nein, es ist definitiv das Herzrasen, wenn man im Bett liegt und kurz vorm Einschlafen ist. 

Ich bin krank und ich wünsche es keinem anderen. Es ist schwer wieder ganz gesund zu werden. Es ist wie ein ewiger Teufelskreislauf nach unten. Im Moment, fühle ich nichts. Leere. Und wenn ich etwas fühle, dominieren die negativen Dinge. 

Die Angst. Die Panik. Die Zweifel. 

Das Zittern. Das Herzrasen. Das Unwohlsein. 

Der Schweiß. Der Schmerz. Der Rückzug.

Ich bin krank und ich sehe derzeit keine Besserung. Es kann sich nur etwas ändern, wenn ich etwas ändere. Aber, dafür habe ich keine Kraft. Ich habe keine Kraft dafür, um aus dem System auszubrechen, um den Kreislauf zu beenden. Woher auch sollte ich diese Kraft nehmen? 

Wie bei so vielen Krankheiten, habe ich auch hier, keinen Appetit. Ich weiß, dass ich etwas essen sollte, aber mein Körper braucht nichts. Oder? Kein Hunger. Keinen Appetit auf irgendetwas. Nichts. Vielleicht Durst. Aber das wars auch schon. 

Ich bin krank, aber wie sage ich es meiner Familie, meinen Eltern? Oder, ahnen sie etwas? Wissen sie vielleicht schon davon? Ich bezweifle es. Und wie sage ich es meinen Freunden? Wie werden sie reagieren? Werden sie sich abwenden von mir? Oder zu mir stehen und mir den Rücken stärken? Wissen sie, wie sie mit mir und meiner Situation umgehen sollen, oder müssen? Oder kann ich ihnen sagen, was ich mir von ihnen erwarte und wünsche? Theoretisch könnte ich, ja. Praktisch traue ich mich nicht. Ich trau mich nicht, ihnen zu sagen, wie es mir geht, wie ich mich fühle. Ich sage ihnen nicht, was in mir vorgeht und wie sie mir helfen können. Ich denke, ich will es alleine schaffen. Ich glaube, ich will es alleine schaffen. Aber ich weiß, ich schaffe es nicht alleine. Ich brauche jemanden. Aber wie hole ich mir Hilfe, wenn ich mich nicht über meinen Schatten springen traue? Ich bin krank, und das merke ich leider viel zu oft in letzter Zeit. Ich wende mich ab von Freuden, in Situationen in denen nur sie mir helfen können. Und das Schlimmste an der Situation ist, ich weiß, dass ich mir Schade. Nur ändern kann ich es nicht. Nicht direkt. Nicht alleine. Nicht jetzt. 

Ich bin krank und es gibt Hoffnung. Ich habe mir bereits Hilfe geholt. Niemand aus meiner Familie, niemand aus meinem Freundschafts- oder Bekanntenkreis. Ich habe mir professionelle Hilfe geholt. Ich kann noch nicht einschätzen, wie viel es wirklich hilft, aber es fühlt sich gut an. Es fühlt sich gut an, Termine zu haben. Einen Grund zu haben, außer Haus zu gehen. Einen Grund zu haben, das Bett zu verlassen und sich eine normale Hose anziehen zu wollen. 

Ich bin krank, und so viele alltägliche Dinge werden zur Qual. Es sind nicht wirklich die Dinge an sich. Es ist die Motivation die fehlt. Der Grund, warum ich etwas machen soll. Ich sehe einfach den Zweck der Sache nicht. 

Natürlich gibt es auch für diese Krankheit Medikamente. Ich habe sie probiert ein halbes Jahr lang. 2 Monate lang ist genau gar nichts passiert. Ein weiteres habe ich Qualen gelitten, dank den Nebenwirkungen. Angst, Schweiß, Zittern. Noch mehr als sonst. Unkontrollierter als sonst. Die Medikamente hatten neben den Nebenwirkungen keine andere Bedeutung für mich. Sie waren keine Hilfe für mich. Danach habe ich sie abgesetzt und lebe jetzt einfach ohne weiter. Und es funktioniert. Es passt. Ich fühle mich wohl. Oder naja, so wohl man sich in meiner Situation fühlen kann. 

Ich weiß noch nicht ganz wie ich mit meiner Situation umgehen soll. Wenn ich neue Menschen kennenlerne, soll, kann oder muss ich ihnen sogar davon erzählen, wie es mir geht? Oder gibt es einen bestimmten Zeitpunkt den ich abwarten muss? Manchen, erzähle ich es sofort. Anderen erst nach Monaten. Wie breche ich das Eis? Verschrecke ich Leute damit? Ich weiß es nicht.

Die Nächste sind am Schwierigsten für mich. Ich bin alleine, niemand der mich ablenken kann. Niemand vor dem ich mich verstecken muss. Ich bin alleine. Alleine und einsam. Niemand hilft mir aus meinen Gedanken zu flüchten. Niemand ist da und rettet mich. Niemand tröstet mich. Manchmal, liege ich stundenlang im Bett und weine. Ich weiß nicht wirklich warum ich weine, aber es fühlt sich richtig an. Irgendwie. Das Weinen befreit mich. Obwohl ich mich im Moment schrecklich fühle. Wenn ich endlich im Bett liege und ans Schlafen denke, beginnt mein Herz zu rasen. Ich werde nervös. Meine Hände werden schwitzig. Plötzlich, keine Vorwarnung. Ich weiß nicht warum das ist, oder woher das kommt. Ich kann nicht einschätzen wie lange es dauert oder wann und warum es aufhört. Mittlerweile weiß ich, dass es aufhört, wenn ich mich aufsetze und ein Glas Wasser trinke. Aber sobald ich mich wieder hinlege, ist das Herzrasen wieder da. Ich weiß, dass es nicht gesund ist, aber ich habe ja nie behauptet, dass ich gesund bin. Es ist schrecklich. Keine Nacht fallen mir meine Augen vor 2Uhr nachts zu. Es ist eine Sache der Unmöglichkeit. Egal, ob ich mich um 11 ins Bett lege oder um halb 2. Ich schlafe nicht vor 2 Uhr nachts ein. 

Nachts ist die Welt so friedlich. Alles schläft. Egal ob Mensch, ob Tier oder ob Natur. Nichts bewegt sich. So mag ich die Welt am meisten. Alles ist ruhig. Friedlich. Und schön. 

Ich bin krank und ich habe gelernt, damit zu leben. Diagnostiziert wurde die Krankheit bei mir im Februar. Aber ich wusste schon im November, dass etwas nicht stimmt bei mir. Dass ich mich verändere. Und alles nur, wegen einem fehlenden Botenstoff. Unvorstellbar eigentlich. Eine so eine kleine Sache bestimmt jetzt mein Leben. Es lenkt mich in Richtungen die ich mir selbst nie ausgesucht hätte. In Richtungen, die ich gerne immer vermieden habe. 
Ich bin krank. 

Ich habe Depression. 

September 2016, binabina

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